• nun tot

    Dieser Blog ist nun tot.

    Eine schöne Zeit war das, einfach mal Schnipsel, die nichts bedeuten, und auch nie etwas bedeuten werden, einfach mal diese Schnipsel aufzuschreiben, und in die Welt zu posten, und sich dabei auch das Gefühl zu haben, auf dem technologisch auf dem neuesten Stand zu sein.

    Einserseits sind es persönliche Gründe: Ich glaube, ich bin aus dem Ding hier inzwischen rausgewachsen, es macht keinen Spaß mehr, ich glaube, ich habe alles gemacht, was ich damit machen kann, und nicht wenige Menschen haben es mir mit - in Hochzeiten - 11.000 Seitenbesuchen im Monat gedankt. Schön.

    Andererseits sind es inhaltliche Gründe: Das alles hier ist mittlerweile so wurschtig, so überladen, so voller Schrott, dass es keinen Sinn mehr macht. Über die Jahre hat sich einfach alles mögliche an Posts akkumuliert, die zusammengenommen keinen Sinn mehr ergeben, die nur noch zusammengehalten werden davon, dass sie alle über dieselbe URL erreichbar sind, und das ist doch nicht gut, das ist doch mehr ein Armutszeugnis. Man hätte, im Nachhinein, sich vielleicht vorher ein weniger weit gefasstes Thema als "Alles, was mich gerade mal so interessiert" überlegen sollen, und ich bin sicher, wenn ich weiter nachdenke, fallen mir noch Tausend andere Dinge ein, die ich hätte besser machen können.

    Zum Dritten habe ich auch so eine vage Ahnung, dass bloggen nicht mehr das ist, was es mal war, auch, und vor allem nicht in Deutschland: Irgendwann einmal war es laut, dieses Versprechen davon, dass wir jetzt alle eine riesige, neue und demokratische Bewegung voller Graswurzel-Journalismus sind, nun ja, ich persönlich habe mein Zeitungsabo nich gekündigt, und die paar Blogs, die ich regelmäßig besuche enttäuschen mich meistens eher, als dass sie mir wirklich etwas neues beibringen (das schließt dieses Blog ein). Aber vielleicht besuche ich auch die falschen Blogs. Jedenfalls habe ich das Gefühl,dieses Medium, das ist mittlerweile gegessen. Suchen wir uns was neues.

    So. Dieser Blog ist nun tot, dieses ist der letzte Eintrag. Ich lasse ihn als seine eigene Grabinschrift online, und klicke nun, mit einer Träne im Auge, auf Speichern.

  • wikirrelevanz

    Stellte heute merkwürdigerweise fest, dass irgendjemand mir einen Wikipedia-Eintrag angelegt hat, und ich war es nicht. Fühle mich natürlich geehrt, distanziere mich aber hiermit von allen Egowikivorwürfen.

    Nebenbei fiel mir auf, dass Achim Reichel einmal Mitglied bei The Rattles war, was mich in ideologische Konflikte stürzt, weil einerseits die Rattles sehr viel Spaß machen, Achim Reichel aber nicht.

  • 95 thesen VI: avantgarde

    Die Avantgarde ist immer verschwunden

    Offensichtlich ist es so, dass es im Pop verschiedene Glaubensrichtungen gibt. Glaubensrichtungen, die sich dann in Lebensstilen manifestieren, von denen der user glaubt, sie seien besser als die anderen, folglich sei er besser als die anderen, weil er ja schließlich besser lebe. Soweit, so Religion, so auch Diedrichsen. So auch Diedrichsen ein bisschen weiter: Menschen, die sich selbst über die "besseren" Lebensstile definierten, seien so etwas wie Avantgarde, oder Bohème, er benutzt das synonym.
    Das Problem ist, dass Diedrichsen Pop als elitäres Phänomen begreift, was am Kern der Sache vorbeigeht: Avantgarde sind kleine, isolierte Gruppen, deren Lebensstil und Kunstproduktion sich decken. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Produktion und Rezeption. Im Pop als Massenphänomen gilt das für jeden, der einfach nur mal tanzen geht, oder auch nur Fernsehen schaut: Er ist gleichzeitig Popproduzent und -rezipient. Was wiederum heißt, es wäre jeder Avantgarde, was wiederum heißt, dass es keinen Sinn macht, irgendetwas als Avantgarde zu bezeichnen, weil es zwar Glaubensrichtungen gibt, aber keine Gruppen, die gemeinsam glauben, sondern nur Menschen, die sich ihren Lebensstil von überallher zusammenpatchworken: Nochmal: Es ist schlicht keine Gruppe vorhanden, die sich als Avantgarde bezeichnen ließe, weil alles Avantgarde ist.
    Auflösen ließe sich das alles folgendermaßen: Die Idee, was denn Avantgarde sei, genauso wie bestimmte Prototypen verschiedenster Popglaubensrichtungen sind nicht wirklich da, in dem Sinne, dass es jemanden gibt, der das alles tatsächlich praktiziert, sondern existieren vielmehr als Meme, als ins kulturellen Bewusstsein hineintranszendierte Ideen, die ich verfolgen kann, wenn ich möchte. Aber immer nur bis zu einem gewissen Grad, weil die Idee von Lebensstil und Lebenspraxis da aufeinanderprallen: Die Avantgarde ist ins kulturelle Bewusstsein transzendiert.

  • get a grip

    Ich versuchte gerade, etwas zu fassen, das sich nicht so ganz genau fassen ließ, dachte aber, macht nichts, und da rutschte es auch schon weg, so weit, so gut. Das ist eindeutig.

  • getrunken

    Getränk mit Bläschen drin. Man sagt, es habe magische Kräfte.

  • geschenk

    Die Kultur schenkte mir dieses Jahr die Erkenntnis, dass Legolas und Winnetou im Prinzip dieselbe Person sind.

    Das ist ungefähr genauso, als hätte die Kultur mir Socken geschenkt, aber immerhin sind es warme Socken.

  • party like it's 1848

    Aus aktuellem Anlass poste ich noch einmal ein kleines Textbröckchen, dass 2007 in der Festivalzeitung dieser feinen Veranstaltung erschienen ist, unter dem Titel "Bestie Prekariat", obwohl er eigentlich "Die kurzen, knackigen David-Lynch-Momente" hieß. Nun ja.

    Vor ein paar Tagen saß meine Mitbewohnerin L. weinend am Küchentisch. Sie hatte einen dieser kurzen, knackigen David- Lynch-Momente. Einer dieser Momente, in denen alles sich neu sortiert. L. ist Teil einer Generation, die sich selbst den Namen „Prekariat“ gegeben hat, eine Generation, die in einem ständigen Provisorium lebt.

    Arbeit, Liebe, Freizeit, alles zeitlich begrenzte Projekte um ein viel größeres Projekt zu realisieren: Das Lebensprojekt. L.’s Arbeitsprojekt überlappte sich mit einem Liebesprojekt,
    das Freundesprojekt verlangte Aufmerksamkeit, die das Freizeitprojekt gerade nicht hergab. Das fragile Arrangement
    ihres Lebensentwurfes war ins Wabern geraten. „Die Zeitschrift Neon ist das Zentralorgan dieser Generation“, analysierte
    die „Tempo“, und „die Lounge ist ein Dauerzustand, alle sind irgendwie kritisch, aber auch irgendwie angepasst“. Die „Tempo“ nannte das Phänomen „Eigentlichkeit“.
    Nach dem Label „Prekariat“ bekamen verschiedenen Ausformungen
    noch wohlklingende Namen wie „Urbane Penner“, „Digitale Boheme“. Das Ganze hatte etwas mit Latte Macchiato zu tun und war also ungefährlich.

    Was die Beobachter bis jetzt allerdings vergessen haben, ist, dass die Eigentlichkeit nur die menschliche Komponente des Prekariates ist. Die bestialische Komponente blieb weitgehend unbeachtet. Folgt man Google, so ist die berühmteste Bestie die „Bestie von Gévaudan“, die zwischen 1764 und 1767 in Südfrankreich rund hundert Menschen tötete. Zugeben, dabei handelte es sich mutmaßlich um einen Wolf.
    Den zweiten Google-Treffer belegt ein Buch namens „Bestie Mensch“ von Thomas Müller, Österreichischer Gerichtsmediziner.
    Das Buch handelt von seinen ekelhaftesten Fällen. Bestien und Mörder werden ohne Zögern gleichgesetzt. Das Label „Bestie“ ist zwar beängstigend, ein Tier ist unberechenbar und gefährlich.
    Andererseits aber ist es auch beruhigend: Dies sind Bestien, ich bin es nicht. Die Bestie ist mit dem Wort bezwungen.
    Thomas Müller zitiert George Bernhard Shaw, der sagt, dass jeder Mensch zum Mörder werden kann, also auch jeder Mensch zur Bestie, und sei es nur für den Moment des Mordes selbst,
    den irrationalen Augenblick, der den Menschen zum Tier macht: Die kurzen, knackigen David-Lynch-Momente.

    Bestie ist ein Label für alles, was unberechenbar, kraftvoll und gefährlich ist. Das Prekariat befindet sich noch nicht in
    dieser extremen Variante der Bestialität, eher in einer Vorstufe: Noch hat sich die Bestie nicht gezeigt. Was George Bernhard Shaw auch meint, ist, dass die Bestie in jedem von uns verborgen ist und nur auf die richtigen Umstände wartet zu
    erscheinen. Beim Prekariat hat es den Anschein, als würde dieser Moment nie kommen: Eine breite Basis, die weder Geld hat noch Zukunft, sich von Provisorium zu Provisorium hangelt, genug Gründe für einen Befreiungsschlag, oder wenigstens ein paar ernstgemeinte Forderungen an die Verantwortlichen. Dabei ist genau das schon die bestialische Ausformung.

    Wenn die „Tempo“ sagt, dass das Prekariat aus „Jeinsagern“ besteht, ist das ähnlich wie die Behauptung, Pop der
    80er wäre unpolitisch. Stimmt schon, hat aber Gründe.
    Genau wie die Musik der 80er durch die Abwesenheit von Politik ein politisches Statement machte, ist die „Eigentlichkeit“
    nichts als eine Verteidigungsstrategie gegenüber einer Welt, die dem Prekariat aus den Medien bekannt ist. Es weiß, dass Protest, Politik nicht viel bringen, dass Aufstände zum Scheitern verurteilt sind. Das ist nicht seine Stärke. Es hat ausreichend ferngesehen um zu wissen, dass man mit den fifteen minutes of fame nicht viel erreicht. Es ist gerade die „Eigentlichkeit“, welche die Stärke des Prekariates ausmacht: Anpassen. Erdulden. Lächeln. Trotz widriger Umstände immer irgendwo Geld für den Latte herbekommen. Das Prekariat ist eine Masse, die gelernt hat, sich an der Basis der Gesellschaft elegant zu bewegen. Die sich durchlaviert und so angepasst ist, dass sie Überall sitzt, überall ihre Praktikanten, Start-Upper, Kleinstkulturschaffenden und Laptop-Caféhäusler hat, eine Massenbewegung, welche die Entscheidungsstellen schon längst von unten infiltriert hat. Eine Generation, die mit dem Computer geboren wurde, die sich so gut in der Medienwelt auskennt, die sich so traumwandlerisch sicher im Internet bewegt, dass sie ihre Stärke hinter selbstgeschaffenen medialen Etiketten verstecken kann. Eine Generation, die sich langsam aber sicher ihrer eigenen Existenz bewusst wird und begreift, dass irgendwas schief läuft.

    Wie die Bestie aussieht, wenn sie ihre Zähne zeigt, weiß man immer erst im letzten Drittel des Films. Bis dahin sind ihre wichtigsten Fähigkeiten Geduld und Tarnung. Die Bestie zeigt sich erst, wenn es zu spät ist. Der David-Lynch- Moment. Das haben wir von Hollywood gelernt, und wir warten darauf.
    Am nächsten Tag lächelte L. Übrigens wieder. Jemand nettes aus dem Freizeitprojekt hatte es ins Liebesprojekt geschafft.

  • 95 thesen V: neue generation

    Die Macht wandert zum Bruchpunkt der Generationen

    Eine beliebte These, mit der man sich immer wieder zustimmendes Nicken auf allen möglichen Sorten Parties einhandelt ist, wenn man sagt, Macht wäre heutzutage ortsungebunden, und personenungebunden. Garniert man das noch mit ein bisschen cooler französischer Sozialmedienphilosophie, bekommt man eine wunderbare Theorie über die Simulation, oder: Illusion, um mal in erweiterter Terminologie zu sprechen, von Macht, aber wenigstens ist die so sehr fragmentiert und zersplittert, dass wir eine zutiefst demokratische Illusion bekommen (wobei Illusion hier nicht zu verstehen ist als: Das ist das Falsche. Realität ist nur ein Sonderfall der Simulation, und Illusion ist das, was beide Begriffe, und noch ein paar mehr, umfasst).
    Die Süddeutsche Zeitung schreibt heute: "Boulevardblätter wie die Newsweek oder die New York Post, wo eher schlechtbezahlte Jungjournalisten arbeiten, machen die Hautfarbe Obamas überhaupt nicht zum Thema", und analysiert daraufhin, es gäbe einen Kluft zwischen "Rethorik und Realität", oder zwischen "Eliten und Volk", wobei es die Eliten sind, die an den alten Mustern vom Denken mit Hautfarben festhalten. Das ist eine Analyse, die nur haarscharf am Kern der Sache vorbeigeht. Die Eliten, das sind immer auch die alten, die etablierten, oder zumindest sind ihre Lehrer das. Die Jungjournalisten, denen hier unterstellt wird, sie sprächen für das Volk, das sind die jungen, die Nachwachsenden, diejenigen, die für eine neue Denkweise stehen, es sind die, die mit einer neuen Denkweise aufgewachsen sind, und langsam auch hineingewachsen.
    Diese Einstellung, die Hautfarbe noch nicht einmal zu erwähnen, noch nicht einmal zum Thema zu machen, ist Symptom für einen spannenden Generationenbruch, der sich vollzieht: Die erste Generation, die vollvernetzt aufgewachsen ist, beginnt, sich an Schaltstellen einzurichten. Es sind diese Jungjournalisten, die für eine Generation stehen, die nicht nur gelernt hat, über eine globale Kultur als Kommunikator zu arbeiten. Wenn sich auch diese globale Kultur regional ausdifferenziert, und das auch immer tun wird (die kleinste Region in dem Sinne ist vielleicht der einzelne Mensch), reicht es trotzdem als Grundlage, sich immer und mit jedem auszutauschen, der an dieser Kultur Anteil hat. Und es ist eben diese vollvernetzt aufgewachsene Generation, die nicht nur Anteil an dieser globalen Kultur hat - sie hat sie selbst geformt. Jeder hatte seinen Anteil daran, und ist damit Teil davon. Und gerade darum spielen für diese Generation Dinge wie Ländergrenzen, Hautfarben o.ä. kaum mehr eine Rolle - das ist Diskurs für eine Kultur ohne Avatare. Nicht, dass es nicht vielleicht auch einen neuen Rassismus geben könnte, der sich ganz anders und ganz neu formulieren lässt. Den alten Rassismus jedenfalls kann man nicht in die vollvernetzte Welt übertragen: Es gibt ja keine Möglichkeit durch den Bildschirm zu treten. Es ist jedenfalls diese Generation, die an die Macht tritt, die jetzt gerade ihre Ausbildung beendet hat, aus ihren Praktika erwacht, und nun zu Protagonisten einer neuen Denkweise wird.

  • arbeitsweise

    Arbeite an einer neuen These zur Jetztzeit, die etwas mit dem neuen Antirassistischen Rassismus und der Unwichtigkeit der ganzen Debatte zu tun hat, die da jetzt wegen dieses komischen Präsidenten entfacht ist. Kann es kaum erwarten, dass man vernünftige Leute an die Macht kommen. Nur noch ein paar Jahre, dann sind wir dran.

  • largo, un poco accelerando

    Ein freundlicher Herr von der Süddeutschen Zeitung (unfassbares Foto hier) hat heute einen dieser neuen Bachpods bekommen, es handelt sich um einen Ipod mit alles von Bach drauf, und Herr Brembeck ist ganz aus dem Häuschen, weil immer noch Platz drauf ist. Das ist der Zeitpunkt, an dem er ans Ende der CD zu glauben beginnt. (Ich wäre auch gerne ein Klassikrezensent, dann könnte nicht nur vor einem Ölschinken-Hintergrund rumstehen, ich könnte auch über den berühmten, aber doch in der entsprechenden Aufführung geistvoll-lustlos gespielten erweiterten G-Moll-12-9-Akkord im dritten Satz von zweiten Adagio oder so schreiben, und es würde mich zwar niemand verstehen, aber alle würden denken: Toll, Musik kann er aber schon gut hören. Und jetzt hat er sogar auch einen von diesen Ipods, über die immer alle reden.)

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